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Bereits seit drei Jahren gibt es das bundesweite LSBTI-Netzwerk "Vielfalt im ASB". Die Beteiligten haben es sich zum Ziel gesetzt, das Thema Diversity im ASB zu stärken und Samariterinnen und Samariter mit LSBTI-Hintergrund miteinander zu vernetzen.

Am 05. und 06. Oktober 2018 fand im ASB Forum NRW in Köln nun das sechste Treffen unter Beteiligung von ASBlerinnen und ASBlern aus Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen, Schleswig-Holstein und aus dem ASB-Bundesverband statt. Eingeladen hatten der ASB Mannheim/Rhein-Neckar und der ASB NRW e.V., die das Netzwerk gemeinsam ins Leben gerufen haben.

In ihrem Grußwort betonte Renate Sallet, stellvertretende Vorsitzende des ASB NRW e.V., dass das Netzwerk das Thema Vielfalt in nicht nur umfassend aufgegriffen habe – ihm wäre es auch vorrangig zu verdanken, dass Diversity seit drei Jahren dezidiert auf der Tagesordnung des ASB stehe. Leider werde das Thema Vielfalt in der öffentlichen Debatte aber auch negativ besetzt, denn manche Menschen würden Vielfalt und Anderssein eher als Bedrohung denn als Bereicherung empfinden. „Gerade wir Samariterinnen und Samariter müssen, auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte, entschieden Haltung und Flagge zeigen. Und wir müssen uns einsetzen für eine offene, demokratische und solidarische Gesellschaft, in der Vielfalt gelebte Realität ist und Menschenrechtsverletzungen angeprangert werden.“, resümierte Sallet.

Ein Schwerpunktthema des Treffens war „Diversity im Bevölkerungsschutz“. In einem Impulsreferat umriss Frank Hoyer, Leiter der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit beim ASB NRW e.V., die Herausforderungen einer kultursensiblen Hilfe in Notfallsituationen. Er betonte, dass Deutschland eine vielfältige Gesellschaft und daher auch eine den unterschiedlichen Werten und Bedürfnissen entsprechende Versorgung von Menschen in Notfallsituationen angezeigt wäre. So haben in Deutschland ca. 20 Mio. Menschen einen Migrationshintergrund, etwa 9,6 Millionen Menschen eine Behinderung (davon 7,5 Millionen eine Schwerbehinderung und zwischen 5% und 10% der Bevölkerung sind nicht heterosexuell oder definieren sich weder als männlich oder weiblich (LSBTI*).

Notwendig wäre es nach Hoyers Ansicht, dass Notfallhelfende grundsätzlich und systematisch in Fragen der kultursensiblen Notfallhilfe aus- und weitergebildet werden würden. Wichtige Aspekte wären dabei die Vermittlung der verschiedenen Bedarfe der unterschiedlichen Gruppen und das Reflektieren der eigenen Werte und Vorurteile. Zudem wäre es gut, wenn Rettungsteams in ihrer Zusammensetzung vielfältig wären. Grundsätzlich wäre von Bedeutung, dass der Diversity-Prozess auf Führungsebene gewollt und gesteuert werden würde (top-down) und zudem mit ausreichend personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen ausgestattet wäre.

Anschließend stellte Florian Meinhold, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung (IDA) in Köln die Studie „Out im Office?!“ vor. In der Untersuchung wurden einerseits die derzeitige Arbeitssituation lesbischer und schwuler Mitarbeiter/innen betrachtet sowie Veränderungen der letzten zehn Jahre herausgearbeitet. Andererseits wurde die Befragung um die Perspektiven von bisexuellen und transgeschlechtlichen Beschäftigten ergänzt, sodass erstmalig für diese Personengruppen belastbare Erkenntnisse zur Arbeitssituation vorliegen.

Die Untersuchung zeigt, dass die Zahl der Beschäftigten, die angeben, bereits Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt zu haben, zum Vergleichszeitraum unverändert hoch ist. Drei von vier Befragten (76,3 Prozent) berichten davon. Gleichzeitig hat sich die Zahl der lesbischen und schwulem Beschäftigten, die am Arbeitsplatz offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen, in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) der Befragten spricht mit allen Kolleginnen und Kollegen offen über dieses Thema. 2007 waren es nur 12,7 Prozent. Ein Drittel (30,5 Prozent) spricht dagegen mit niemandem oder nur mit wenigen Personen am Arbeitsplatz über die eigene sexuelle Identität. Dies war 2007 noch für 51,9 Prozent der Fall. Auch gegenüber Führungskräften wächst die Offenheit.

Unter den befragten transgeschlechtlichen und bisexuellen Beschäftigten ist ein Coming-out am Arbeitsplatz auch 2017 deutlich seltener als bei lesbischen und schwulen Beschäftigten. 69 Prozent der Trans*-Personen bzw. 56 Prozent der bisexuellen Beschäftigten gehen nicht oder nur gegenüber wenigen Kolleginnen oder Kollegen offen mit ihrer Geschlechts- bzw. sexuellen Identität um; für 70 Prozent bzw. 61 Prozent gilt dasselbe gegenüber Führungskräften. Auch erleben transgeschlechtliche Beschäftigte wesentlich häufiger direkt arbeitsplatzrelevante Diskriminierung (also zum Beispiel Kündigungen, Versetzungen oder verweigerte Einstellungen) als lesbische, schwule und bisexuelle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Zusammenfasend zeigt die Studie, dass viele LSBT*-Personen Ausgrenzung, Mobbing und Belästigungen am Arbeitsplatz erleben. Andererseits können viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute offener mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen als noch vor zehn Jahren.

In den Fokus genommen wurde beim Netzwerktreffen auch die Situation von LSBTI*-Geflüchteten. Patrick Constantin Dörr, Projektmitarbeiter beim LSVD-Projekt Queer Refugees Deutschland berichtete, dass in über 90 Staaten der Erde LSBTI-Personen Gefahr für Freiheit, Leib und Leben droht. In Deutschland angekommen, ist für viele LSBTI-Personen die Flucht leider noch nicht vorbei. Zu der existentiellen Unsicherheit, die mit den oft langwierigen und schwierigen Asylverfahren verbunden ist, kommen Erfahrungen von Rassismus, aber auch von LSBTI-Feindlichkeit hinzu. Auch aus Flüchtlingsunterkünften und Integrationskursen berichten LSBTI-Personen von Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen. Ziel des LSVD-Projekts „Queer Refugees Deutschland“ ist es, die deutschlandweit bestehenden Strukturen sowie geflüchtete LSBTI-Aktivistinnen und Aktivisten zu vernetzen und bei ihrer Arbeit zu unterstützen (www.queer-refugees.de).

netzwerktreffen lsbti oktober 2018 250Anschließend stellte Esther Finis, Referentin für Presse- & Öffentlichkeitsarbeit beim ASB NRW e.V., ein LSBTI-Auslandprojekt des ASB NRW e.V. in Zusammenarbeit mit dem serbischen Samariterbund IDC und mit Unterstützung der Auslandshilfe des ASB Deutschland vor. Im Mittelpunkt des gemeinsamen Projektes stehen LSBTI-Geflüchtete. Viele von ihnen waren in ihrem Herkunftsland Repressionen ausgesetzt und sind auch auf der Flucht vor Diskriminierung und Gewalt nicht sicher.

Ziel ist es, den Betroffenen Beratung und Hilfe anzubieten und sie über ihre Rechte aufzuklären. Zusammen mit serbischen Selbsthilfeorganisationen für LSBTI entwickeln die Samariter/innen im Rahmen des Projekts Angebote für psychologische Beratung, Rechtsberatung und die Gesundheitsprävention. Auch die Information von gesellschaftlichen und politischen Verantwortungsträgern gehört zu den Maßnahmen. Darüber hinaus erarbeiten die serbischen Samariter eine Richtlinie zum Umgang mit LSBTI-Geflüchteten, die auch von anderen Akteuren der humanitären Hilfe in Serbien genutzt werden kann. Diese Informationen, die die Bevölkerung auf die besondere Situation der Betroffenen aufmerksam machen, auf lokaler und regionaler Ebene zur Verfügung zu stellen, runden das Projekt ab.

„Digitalisierung und vulnerable Gruppen“ hieß das vierte große Thema des Treffens. Frank Hoyer und Esther Finis erläuterten, dass digitale Technologien, neben positiven Aspekten (Vernetzung, Information, Beratung etc.), auch Möglichkeiten eröffneten, Menschen zu überwachen, zu erforschen, zu manipulieren und zu verfolgen. Die Anhäufung von enormen Datensätzen – unabhängig davon, ob diese analog oder digital vorlägen – berge Risiken für Persönlichkeitsrechte und Menschenleben und ermögliche etwa eine gezielte Verfolgung von vulnerablen Gruppen. So hätten zum Beispiel viele Menschen mit LSBTI-Hintergrund im Deutschland des 20. Jahrhunderts leidvolle Erfahrungen mit dem Missbrauch von Daten machen müssen: Unter anderem wurden sogenannte „Rosa Listen“ von Staatsorganen erstellt, um schwule Männer zu überwachen und zu verfolgen. Angesprochen wurden auch Möglichkeiten, wie man seine eigenen Daten besser schützen kann.

Im Blick der Netzwerker war auch ein Antrag des ASB NRW e.V. an die Bundeskonferenz des ASB Deutschland auf Durchführung eines umfassenden und bundesweiten Diversity-Prozesses im Arbeiter-Samariter-Bund. Die Initiative zielt darauf ab, die vom ASB Deutschland im Jahr 2010 unterzeichnete „Charta der Vielfalt“ umzusetzen: Zum einen durch die Bündelung und den Ausbau der vielen bereits vorhanden Aktivitäten im ASB (Teilhabe von Menschen mit Handicap, Flüchtlingshilfe, Seniorenhilfe, Recruiting, Netzwerk „Vielfalt im ASB“, Samariter interkulturelle Öffnung – Samikö, etc.), zum anderen durch die Setzung von Schwerpunkten, etwa bei der Förderung von Frauen in Vorständen und Führungspositionen.

Am Ende der Veranstaltung erklärte Renate Sallet: „Ich danke allen Teilnehmenden aus den verschiedensten ASB-Gremien für ihr Engagement und die vielen inhaltlichen Impulse. Das Treffen hat deutlich gemacht, dass Diversity kein Nischenthema ist, sondern von substanzieller Bedeutung für die ganze Gesellschaft ist. Das Zusammenleben in Deutschland war und ist vielfältig und wird immer vielfältiger werden. Dieser kontinuierliche Prozess muss aktiv und solidarisch gestaltet werden. Der ASB kann und sollte hier eine tragende Rolle spielen.“

Das nächste Netzwerktreffen „Vielfalt im ASB“ findet im Frühjahr 2019 statt; der genaue Termin und der Ort werden demnächst bekanntgegeben.

Egal ob lesbisch, schwul, trans oder hetero, ob Frau oder Mann, ob ehren- oder hauptamtlich … die Organisatoren freuen sich über die Teilnahme von Samariterinnen und Samaritern aus Nah und Fern!

Tipp: Viele Informationen und News zu ASB und LSBTI bzw. Diversity findet man unter www.asb-queer.de und auf der Facebook-Seite asbqueer

Die Bezeichnung LSBTI steht für:
L = Lesben
S = Schwule
B = Bisexuelle
T = Trans
I = Intersexuelle
Das auch oft verwendete Sternchen * steht für die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Identitäten. Detailliertere Erläuterungen zur Vielfalt der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität findet man zum Beispiel unter http://echte-vielfalt.de/wort-schatz 
Fotos: ASB NRW e.V.

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Wir bewegen was: Die Arbeiter-Samariter-Jugend (ASJ) ist der Jugendverband des ASB. Mehr Infos hier

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Freiwilliges Soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst
Der ASB in NRW bietet das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Mehr Infos hier

Arbeiter-Samariter-Bund NRW e.V. | Kaiser-Wilhelm-Ring 50  | 50672 Köln  | Tel. 0221-949 707-0  |  Fax: 0221-949 707-19
E-Mail: kontakt@asb-nrw.de | Internet: www.asb-nrw.de

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